Der US-amerikanische Autor Don DeLillo (*1936) hat sich spätestens mit seinem magnum opus “Underworld” (1997) den Ruf eines herausragenden Dystopisten der technologisierten Welt erschrieben; den Ruf eines Dystopisten mit prophetischen Qualitäten, wie manchmal behauptet wurde. Terrorismus etwa war seit jeher ein Thema, das ihn beschäftigte. Er relativiert gerne die Bedeutung, die seiner Hellsichtigkeit beigemessen wird:

 

There are certain things that people don’t pay a deep attention to as they happen. There was terrorist activity in this city in the 1970s, and of course it was noticed, but then it passed, and I noted it and put it in some of my novels. And I suppose the World Trade Center appears in three or four of my novels, which of course does not mean that I expected it to be destroyed. It just means that I saw it.
Don DeLillo. Interview Wall Street Journal, 29.1.2010. Auszug auf perival.com

Wie kein anderer mir bekannter Autor ist DeLillos Werk von technologischen Horrorszenarien geprägt. Die Durchtechnologisierung der Welt als allumfassender Zustand, der an der menschlichen Substanz zehrt, ist in seinen Romanen omnipräsent.

Das beginnt bereits in seinem Debüt “Americana” (1971). Der Protagonist des Textes ist David Bell, ein junger – nein: der jüngste, und darauf legt er Wert – Executive eines TV-Netzwerks, dekadent und gelangweilt, mit dem Aussehen eines Hollywoodstars. Der erste Teil des Buches beschreibt Davids Dasein in Beruf und Alltag, gefangen in den Schlünden eines unbarmherzigen Raubtier-Kapitalismus, zerrissen von vagen Begehren nach dem Wahren, Schönen, Guten.

Im zweiten Teil dann begibt sich David Bell mit drei skurrilen Gefährten auf eine Reise ins Herz Amerikas, in Richtung der Navajos, über die eine Dokumentation gedreht werden soll. Eine 16-mm-Kamera ist Davids treuer Begleiter, eine Albtraum- und Sehnsuchts-Maschine ohnegleichen.

Die Bildhauerin Sullivan ist eine der Mitreisenden. Abends, im Dunkeln, erzählt sie von dem, was ihr einst ein einhundertjähriger Heiliger der Oglala Sioux erzählt haben will. Es ist bezeichnend, dass – mindestens in der Erzählung innerhalb der Erzählung – ein indianischer Weiser das dystopische Potenzial einer durchtechnologisierten Welt zur Perfektion bringt.

Eine seiner, von Sullivan nacherzählten, Visionen betrifft die Zukunft akademischer Bildungseinrichtungen:

He said that all the new universities would consist of only one small room. It would work this way. At the beginning of each semester the entire student body – which would have to number at least five hundred thousand in order to give the computers enough to do – would assemble in a large open space in front of a TV camera. They would be televised and put on videotape. In a separate operation the instructors would also be videotaped, individually. Then two TV sets would be placed in the single room which represented the university. The room would be in a small blockhouse at the edge of a thirty-six-lane freeway; this proximity would help facilitate transmission of electronic equipment. Oh, there might be some banners on the wall and maybe a plaque or two, but aside from these the only things in the room would be the TV sets. At nine o’clock in the morning of the first day of classes, a computer would turn on the two television sets, which would be facing each other. The videotape of the students would then watch the videotape of the instructors. Eventually the system could be refined so that there would be only one university in the whole country.

Diese Farce mutet aus heutiger Perspektive so absurd wie bedrohlich an. Die vollständige Ersetzung menschlicher Interaktion durch reproduzierbare, starre Bilder ist schauerlich. Was machen die Menschen eigentlich in einer solchen Welt? Weshalb braucht es eine 36-spurige Autobahn, wenn die Bewegung sich auf verschiedene filmisch aufzuzeichnende Massen-Events pro Jahr beschränkt? Vielleicht rasen die Menschen einfach zum Spass, und weil sie nichts zu tun haben, über die Fahrbahnen, wie es in einer anderen Dystopie – Ray Bradburys “Fahrenheit 451” – erdacht ist?

Die Vorstellung dieses (stummen?) Universitäts-Raums mit seinen zwei Bildschirmen, die einander anflimmern, hat etwas Entsetzliches. Die Vorstellung von einer halben Million, von Computern erfassten “Studenten”, die sich auf freiem Feld zur Aufzeichnung ihres Semesters besammeln, nicht weniger. Ich hoffe, in diesem Fall werden sich Fantasie und Beobachtungsgabe des Autors nie in prophetisches Vorwissen verwandelt haben…

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