Im spannenden neuen Reclam-Bändchen “Was ist ein Gedicht?” von Peter von Matt stiess ich auf jene sechzehn wundersamen Zeilen aus Stefan Georges Sammlung “Algabal” (Paris, 1892):

Mein garten bedarf nicht luft und nicht wärme
Der garten den ich mir selber erbaut
Und seiner vögel leblose schwärme
Haben noch nie einen frühling geschaut

Von kohle die stämme von kohle die äste
Und düstere felder am düsteren rain
Der früchte nimmer gebrochene läste
Glänzen wie lava im pinien-hain

Ein grauer schein aus verborgener höhle
Verrät nicht wann morgen wann abend naht
Und staubige dünste der mandel-öle
Schweben auf beeten und anger und saat

Wie zeug ich Dich aber im heiligtume
— So fragt ich wenn ich es sinnend durchmass
In kühnen gespinsten der sorge vergass —
Dunkle grosse schwarze blume?

Stefan George (1910)

Das Gedicht bildet den Abschluss des ersten von drei Teilen des “Algabal”: “Im Unterreich”. Das Ich der Texte ist eine fiktionale Nachbildung des jung ermordeten römischen Kaisers Elagabal (204-222). Selbst nannte sich der aus Emesa – dem heutigen Homs in Syrien – stammende Kaiser Marcus Aurelius Antoninus. Erst die Nachwelt verlieh ihm den Beinamen Elagabal – nach der gleichnamigen antiken Sonnengottheit, deren Kult er zur römischen Staatsreligion zu erheben versucht hatte. Des Kaisers Nachruf ist prominent, sein Name wurde zur Chiffre für Lasterhaftigkeit und Dekadenz der römischen Kaiserzeit – wieviel an dieser Repräsentation wahr ist und wieviel der posthum über ihn verhängten damnatio memoriae geschuldet, darüber masse ich mir kein Urteil an.

Bestürzt hat mich das oben zitierte Gedicht: seine Dunkelheit, seine Zeitlosigkeit. Peter von Matt benutzt es, um den Übergang von der biederen poetischen Vormoderne (seine Paradebeispiele entstammen der Feder Theodor Storms) zur Moderne aufzuzeigen. Hier gibt sich die radikale Aufgabe des vormodernen Ordnungswillens zu erkennen, der bestrebt war, Gedichtzeilen möglichst unmissverständlich an Allerweltsorten zu Allerweltszeiten zu verorten – und so moralisch-sittliche Muster sattsam zu bestätigen.

George, die Moderne, der Garten ohne Luft und Wärme bricht mit dieser Tradition. Sein dunkles Unterreich entzieht sich in jenen sechzehn Zeilen der konventionell akzeptierten “Absolutheit der Sonnenordnung” (von Matt); es ist ein Ort der Zeitlosigkeit, ein Ort ausserhalb des poetisch so oft beschworenen Jahreslaufs (Frühling = Jugend, Herbst = Alter und Verlust der Liebe, usf.). Algabal hat sich seine (Gegen-)Welt selber erbaut; er ist nicht angewiesen auf den zuvor scheinbar unabänderlichen Gang der Zeit. Was im Übrigen nicht heissen will, dass er ohne Farben, Schwarz in Schwarz, dahergeht: der Rest von “Algabal” ist von einem Farbendurcheinander geprägt, wie es in der deutschen Dichtung seinesgleichen nicht allzu häufig findet.

In Algabals düsterem ästhetizistischem Garten der Unterwelt scheint die Vergänglichkeit, die althergebrachte Ordnung der Natur, weitgehend aufgehoben. Und gerade das ist es, was bestürzt, das ist es, was begeistert: die Möglichkeit der Poesie, den Raum und die Zeit, die nur für sich selbst sind, erstehen zu lassen. Auch wenn, folgt man Peter von Matt, die letzten vier Zeilen das Eingeständnis eines vorläufigen Scheiterns manifestieren. Die “dunkle grosse schwarze Blume”, Mittelpunkt des künstlichen neuen Paradieses, bleibt vorerst unvollendet. Die Möglichkeit ihrer Zeugung aber ist in der Frage schon angedeutet, nur das “Wie” ist noch nicht gefunden. Wer ersinnt es?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s