Häufig hat mich die Frage umgetrieben, inwiefern Konzepte wie “Heimat” und “Nation” – oder präziser: “Nationalität” – die Vorstellung und Konstruktion individueller Identität beeinflussen.

Nun habe ich – ein Traktandum, das jahrelang schon auf der To-Read-List stand – ein Buch geöffnet, das der Schweizer Autor Peter Bichsel 1988 “eines der schweizerischsten Bücher” nannte, seinen Schauplatz beschrieb er als “eine kleine Schweiz in der Sahara”.

Die Rede ist von Friedrich Glausers Schlüsseltext “Gourrama”, entstanden in den Jahren 1928 bis 1930, erstveröffentlicht 1937/38. Glauser verarbeitete darin seine eigenen Erfahrungen in der französischen Fremdenlegion, mit der er 1921 bis 1923 in Algerien und Marokko stationiert war.

Die Fremdenlegion wird beschrieben als ein Ort der erdrückenden Langeweile und als Schmelztiegel scheinbar auswegloser Existenzen. In der Hitze der Wüste sitzen sie beisammen, trinken und erzählen; erfinden sich abenteuerliche Biographien; versuchen, jemand zu sein.

In diesem Zusammenhang erleuchtet eine Stelle eindrücklich die Funktion von “Nationalität” und “Heimat” im Prozess der Identitäts-Erschaffung, im Versuch “sich eine Persönlichkeit zuzulegen”. Denn nur, wer erfolgreich erzählt, erarbeitet sich eine erinnernswerte Persona. Gerade in der Fremdenlegion, wo die eigene Nationalität keine Bedeutung mehr besitzt, da man sich unter den Schirm einer fremden Nation begeben hat, scheint die Herkunft an Gewicht zu gewinnen, bedeutender zu werden, als der eigene Name.

“Wenn man nur Koks hätte”, seufzte er.
“Oh, Koks, ja ja. Damit hab’ ich einen Haufen Geld verdient.” Smith rückte vor. Seine Hände griffen mit gekrümmten Fingern in die Luft, als wolle er etwas an sich heranreissen. Ängstlich blickte er in die Runde: ob jemand ihm das Recht zu erzählen streitig machen wolle. “Ich kannte viele elegante Französinnen, Tänzerinnen aus den Music-Halls, aber ich hatte nie genug Geld, um ihnen richtig imponieren zu können.” Smith übertrieb seinen englischen Akzent, wie Peschke sein Berlinerisch übertrieben hatte; diese Übertreibung war ganz natürlich. Es war ein Mittel, sich von der Masse der anderen zu unterscheiden, sich eine Persönlichkeit zuzulegen. Und wie einen Preis, wie eine Auszeichnung fast erhielt derjenige, der am besten die Redeweise, die Art eines Landes, einer Stadt zu verkörpern schien, den Namen dieses Landes, dieser Stadt. Ein Ziel war erreicht, und kein kleines, wenn man einmal “der Berliner”, “der Wiener” oder gar “der Engländer” war. Und Smith wollte schier bersten vor Stolz, als er erfuhr, dass er in der Kompagnie nicht mehr “der Schneider”, sondern “der Engländer” hiess. Schwer war es nicht gewesen. Er war der einzige, der in Grossbritannien gelebt hatte und der singen konnte: “O yes, we have no bananas, we have no bananas to-day””

Friedrich Glauser: Gourrama. Diogenes 1989. 45-46.

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