† Der Lausewênzel, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. in den niedrigen Sprecharten, eine verächtliche Benennung des schlechtesten aus gemeinem Landtobake zubereiteten Rauchtobake
Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, Ausgabe 1811.

Der Lausewenzel ist eines jener Wörter, deren Seltenheit im deutschen Sprachgebrauch bekämpft werden sollte. Einerseits aufgrund seines schelmischen Klangs; andererseits aufgrund seiner zweifachen Bedeutung: “Lausewenzel” kann sowohl einen qualitativ minderwertigen Tabak bezeichnen, wie auch als Schimpf- und Spottwort zur Anwendung gelangen.

Prominente Beispiele für letzteres finden sich etwa bei Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). In der Farce “Hanswursts Hochzeit” (1775), einem Kuriosum im Gesamtwerk des Autors. Dieses handlungslose Stück beginnt mit einem Monolog des Charakters Kilian Brustfleck und führt über einen kurzen Dialog desselben mit Hans Wurst in eine lange Aufzählung von Schimpfnamen und Zoten.

[…]Langhans
Großhans
Hans Schiß
Peter Leckars
Piezgens Barbara
Lausewenzel
Kläms Töffel Klämsenlaberig
Runks
Sauranzen
Nonnenfürzgen
Musgretgen[…]

Auch der begnadete Flucher Karl May (1842-1912) baute das Wort hin und wieder ein, so in der Humoreske “Ein Fürst-Marschall als Bäcker (1726)” (1882):

“Mir so etwas zu sagen!”, rief er. “Hier in meinem eigenen Zimmer! Ein Hannoveraner! Ein Lumpenhund, ein Lausewenzel, der…”
“Durchlaucht, meinen Sie mich?”
Hartegg trat abermals einen Schritt vor und legte die Linke an die Scheide seines Säbels.
“Ja, ja, hundertmal ja und tausendmal ja! Luft muss ich haben, Luft, sonst zerplatze ich! — Ah, endlich! Da ist der Stock!”
[…]
“Na, es wird wohl so etwas gewesen sein wie verrückt, Knirps, Lumpenhund, Lausewenzel und so weiter. Ist Er zufrieden, wenn ich es Ihm jetzt abbitte?”
Der Oberleutnant blickte überrascht empor.
“Das kann ich ja kaum erwarten!”
“Warum nicht? Einen anderen beleidigen, das kann ein jeder. Aber eine übereilte Beleidigung wieder abbitten, das ist ehrenhafter als mit dem Froschmesser zu renommieren und zu der Beleidigung auch noch den Totschlag fügen. Verzeihe Er mir und schlage Er ein! Er ist weder ein Lumpenhund noch ein Lausewenzel, sondern ein Heidenkerl, vor dem man Respekt haben muss. […]”

In neuerer Zeit war es unter anderem der Schweizer Autor Lukas Bärfuss (*1971), der das Schimpfwort (jetzt feminin) wieder aufleben liess. In seinem Stück “Meienbergs Tod” (Uraufführung 2001) setzt der Charakter Daniel zu einer Tirade von Goethe’schen Ausmassen an:

Ein Misthaufen bin ich, ein Fetzenschädel, ein Nillenflicker, ein Nöler, eine Blutsau, bestenfalls und an Sonntagen hin und wieder ein Schnulzier, ein Eierkopf, ein Angstarsch, ein Flachwichser, ein Blechschwätzer, ein Hackklotz, eine Lausewenzel, eine Sozialleiche, ein Winsler, ein Geschmeiss, ein Natterngezücht, ein Entenmelker, ein Trollo, ein Zulukaffer.

Auch in seiner eigentlichen Bedeutung hat der Lausewenzel gelegentlich Eingang in die Literatur gefunden. Es bedurfte zweier der zu ihrer jeweiligen Zeit wortmächtigsten Autoren, dieses Kunststück zu vollbringen.

Jean Paul (1763-1825) schrieb in seinem “Leben des Quintus Fixlein” (entstanden 1794/95):

Warlimini war ein guter Narr. Ich und der Fleischer haben nichts davon, dass wir ihn loben und seinem zersplitterten schlaffen Kopfe noch einige Lorbeer-Streu unterbetten; aber warum sollen wir es dem Gelehrten- und Militärstande verbergen, dass der gute Kerl wöchentlich von seinem Mädchen ein oder zwei Schustaks zu Lausewenzel überkam – denn das ganze Mobiliarvermögen bestand in einem warm- und ehrlichschlagenden Herzen – dass sein Wirt, bei dem er sein Traktament vertrank, ihm keinen Heller zuviel anschrieb – dass der Regimentsfeldscher ihm bei jedem Verbande seiner Hiebwunde eine Pfote voll recht gutem Tabak zusteckte – und dass er in seinem ganzen Leben über niemand einen Fluch ausstiess als über sich?

Schliesslich sei der hin und wieder mit Jean Paul verglichene deutsche Autor Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) erwähnt, der in seinem autobiographischen Schelmenroman “Die Insel des zweiten Gesichts” (1953) – übrigens einer der grössten Fundgruben skurriler Wortkunstwerke in der deutschsprachigen Literatur – den Lausewenzel verewigte. In einer Szene, in welcher es die Köchin Josefa mit zwei unflätigen Tieren zu tun bekommt: einem sprechenden Kakadu, der beständig das Wort “Puta!” herumschreit, und einem Affen, der ihr auf die Schulter springt und eine im Dekolleté verborgene Pfeife “mit seiner fledderfertigen Hand” zu stehlen versucht.

In Spanien geht es nicht ohne dieses Wort, weil es ohne das nicht geht, was es darstellt. Und je mehr der erlauchte Anarchist die noch höher geborene Gattin mit diesen Darstellungen betrog, je weniger duldete Josefa solche Anzüglichkeiten im Hause, mit der rührenden Anhänglichkeit treuer Diener, die über den Ruf der Herrschaft oft ängstlicher wachen als diese selbst. Wie sehr sie auch in ein eigener Sache dem Vogel gerne den Schnabel verboten hätte, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Josefa war eine keusche Person, deren Züchten es keinen Abbruch tat, dass aus ihrem Busenkrater zuweilen der beizende Rauch eines giftigen Lausewenzels kräuselt, und ihr Schamgefühl wurde durch das Lasterwort ebenso tief verletzt wie durch die Handgreiflichkeiten des Affen, der es an Unzüchtelei den Menschen gleichtun wollte.

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