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Eugène Duffoug-Favre (1850)

Schabo (von türk. Ascha Abag; frz. Chabag, russ. Шабо, rumän. Șaba-Târg) ist ein kleines Dorf am Fluss Dnister, wenige Kilometer abseits der Schwarzmeerküste. Heute gehört es zur Ukraine, liegt im Rajon Bilhorod-Dnistrowskyj. Historisch gehört es zur Landschaft “Bessarabien”, einem Gebiet, das immer wieder Gegenstand territorialer Konflikte und Spielball grosser Mächte gewesen ist.

Die nahe gelegene Festung von Akkerman (das heutige Bilhorod-Dnistrowskyj) gehörte zu den osmanischen Verteidigungspunkten am Schwarzen Meer, zu welchem dem Russischen Reich der Zugang lange verwehrt blieb. Im Verlaufe der Napoleonischen Kriege fand 1812 der 7. Russisch-Türkische Krieg sein Ende. Mit dem Frieden von Bukarest fiel schliesslich ganz Bessarabien Russland zu. Dessen Kaiser, Alexander I. sah sich mit grossen Abwanderungsproblemen konfrontiert: die Siedler wollten zurück ins Osmanische Reich. In Schabo sollen lediglich 3 bis 4 Familien verblieben sein. Die Neu-Zugezogenen dagegen waren, mangels Erfahrung, nicht in der Lage, den traditionellen Weinbau zu betreiben.

Eine prägende Figur, der der russische Kaiser seit Kindertagen verbunden war, machte den entscheidenden Vorschlag: der Waadtländer Frédéric-César De La Harpe (1754-1838), der einst als Alexanders Erzieher geamtet hatte, empfahl, Waadtländer Weinbauern in Bessarabien anzusiedeln, um die verwahrlosten Reben wieder in Wert zu setzen. Im Waadtland – und in anderen Schweizer Kantonen – herrschten Nahrungsnotstände, auch diese unter anderem in Folge von Plünderzügen während der Napoleonischen Kriege.

Ein mit De La Harpe befreundeter Weinbauer und Botaniker aus Vevey, Louis Tardent, reiste 1820 nach Schabo, um die Bedingungen für eine Schweizer Kolonie zu sondieren. Voller Begeisterung schrieb er nach Hause; er glaubte, das gelobte Land gefunden zu haben.

Und schon bald setzte sich eine Karawane von ungefähr 30 Schweizern in Bewegung, um dieses 2500 Kilometer entfernte gelobte Land zu besiedeln und zu bebauen. Mit ihrer Ankunft 1822 begann die über ein Jahrhundert währende Zeit der Schweizer Winzerkolonie Schabo, deren Wein bald zum Erfolgsprodukt auf dem russischen Markt wurde.

Trotz verheerender Rückschläge – etwa einer Seuchen-Epidemie 1829/30, deren Tote mit neuen Zuwanderern “ersetzt” werden mussten, um die Kolonie lebensfähig zu erhalten – entwickelte sich ein blühendes Leben, nicht zuletzt aufgrund der vielen Privilegien, die das Russische Reich den Schweizern zugestand. So erhielt etwa jede zuwandernde Familie ungefähr 66 Hektaren Land und einen Bestand an Reben. 1825 nannten die Schweizer Weinbauern in Schabo insgesamt bereits 104’000 Reben und über 2’000 Obstbäume ihr eigen.

Mit der Ankunft des Waadtländer Pastors François Louis Bugnion (1822-80), der auf Wunsch von Gemeinderat Louis Gander anreiste, erhielt die Gemeinde 1843 ihren ersten Prediger und Lehrer. Bald darauf entstanden Kirche, Schule und Bibliothek. Die Zuwanderung auch baslerischer, schwäbischer und elsässischer Familien erhöhte die Vielfalt – auch sprachlich, so dass sich über die Jahre ein eigenes Idiom, der sogenannte “Schabner Dialekt”, entwickelte.
Pastor Bugnion dürfte nicht unumstritten gewesen sein, sein Einfluss aber wird stets betont, so auch von A. Buxcel (1952), der über die Wirkung von Bugnions erster Predigt wie folgt urteilt: “depuis de ce moment, par la grâce de Dieu, la colonie prie une autre tournure sous le rapport moral.”

Als am 21. Mai 1846 der Grundstein für den Kirchenbau gelegt wurde, notierte Augenzeuge Pater Desloes von Chexbres:

“Man hat in den Fundamenten als Erinnerungsstücke folgendes deponiert:
Ein Geldstück des Kantons Waadt, angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Kolonisten Waadtländer sind.
Eines von Genf, dem Zentrum der Calvinistischen Reformation.
Eines von Zürich, weil es rangmässig der erste Kanton in der Schweizerischen Confoederation ist und die Kolonie eine Schweizerkolonie ist.
Eines der Türkei, weil der Name von Chabag ein türkischer Name ist.
Eines von Russland, weil die Kolonie in russischem Gebiet liegt.”

In sowjetischer Zeit, nach 1944, wurde die Kirche, ihres Turmes entledigt, als Getreidelager, später als Kino für Agitprop-Filme genutzt; in den frühen Neunzigerjahren diente sie dem Dorfclub als Lokal für Chorproben.

Handel und Leben der Schweizer Kolonie, die viele lokale Arbeiter beschäftigte, erblühten über mehrere Generationen. Dies obschon 1871 die ursprünglichen Privilegien der Schweizer als Bewohner des Russischen Reiches aufgehoben wurden; 1874 endete auch das Schweizer Recht auf Befreiung vom Armeedienst. In der wirtschaftlichen Blütezeit um 1900, schreibt Heidi Gander-Wolf, soll es sogar einzelne Familien in Schabo gegeben haben, die sich jedes zweite Jahr Ferien in der Schweiz leisten konnten.

Als Bessarabien 1918 an Rumänien fiel, begannen die turbulenten Jahre: durch den Wechsel der staatlichen Obrigkeit verlor die Kolonie ihren Zugang zum russischen Markt, zum Schwarzmeerhafen Odessa. Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich. Als 1939 der Molotow-Ribbentrop-Pakt wiederum Bessarabien zum sowjetischen Interessengebiet erklärte, wurde auch die politische Lage kritisch. Die meisten der Schweizer Bewohner Schabos schlossen sich der Aussiedlung an, was für viele gleichbedeutend war mit einer jahrelangen Odyssee.

Elvira Wolf-Stohler, Nachfahrin einer Familie aus Pratteln, die bereits im frühen 19. Jahrhundert ausgewandert war, flüchtete über Polen, wo sie 1944 ihrem Schabner Freund Albert – zufällig? – wiederbegegnete und ihn 1944 in Posen heiratete. Mit US-amerikanischer Hilfe ging die Flucht über Deutschland und die Niederlande nach Belgien, wo das Paar zufällig einen Organisator belgischer Kinderlager in der Schweiz kennenlernte, der sie nach Basel brachte. In der eigentlichen, noch nie gesehenen Heimat angekommen, empfing man sie jedoch nicht mit offenen Armen, sondern schimpfte sie gelegentlich “Schwaben” und “Russen”.

Der Moment, in welchem die Russen 1944 Schabo endgültig einnahmen und im alten Schulgebäude eine Garnison der Roten Armee unterbrachten, war gleichbedeutend mit dem definitiven Ende der Schweizer Kolonie. Eine der wenigen Verbliebenen war Alice Besson, deren Familie durch einen Zusammenprall ihres Fahrzeugs mit einem Automobil der Deutschen Wehrmacht an der Flucht gehindert worden war. Weil ihre Eltern – beides Schweizer – sie bei ihrer Geburt in Schabo nicht bei der schweizerischen Heimatgemeinde angemeldet hatten, verwehrte ihr die Schweiz das Bürgerrecht. Von Russen bekam sie Ressentiments zu spüren: jahrelang hätten sie für ihre Grossbauern-Familie gearbeitet, jetzt solle sie, Alice, einmal für die Russen arbeiten! Ihr Vater, der Grossbauer und ehemalige Gemeindepräsident, wurde nach 1944 in ein sibirisches Lager deportiert und starb dort den grausamen Hungertod.

Porträtiert wird Alice Besson im Film “Goldene Trauben in Schabo” (Helen Stehli Pfister, 1992). In voller Länge:

Schabo war neben dem bereits 1804 auf der Krim gegründeten Zürichthal die einzige Schweizer Russland-Kolonie. Als historisches Artefakt wird sie meist übergangen, zugunsten der Beschäftigung mit prominenteren nord- und südamerikanischen Siedlungen helvetischer Provenienz. Schabo fristet ein Dasein als Fussnote der Schweizer Migrationsgeschichte – zu Unrecht, wie mir scheint, handelt es sich doch um ein Musterbeispiel multilingualer und -kultureller Wanderungsbewegungen und Gesellschaftsbildungen im Europa des 19. Jahrhunderts, und eine wahre Fundgrube noch unerzählter Geschichten…

Weiterführend:

Verschiedene Namen und Lebensdaten von Schweizer Auswanderern nach Schabo finden sich in dieser Dokumentation.

Der Bericht des Auswanderers Louis Gander aus der Revue Historique Vaudoise (1908), “Histoire de la colonie de Chabag”, lässt sich hier nachlesen.

Eine Fülle an Materialien findet sich auf der Website der Nachfahren-Gemeinschaft, “Société Chabag Lausanne”. (Ob diese sich immer noch, wie in Helen Stehli Pfisters Dok-Film, zum jährlichen Schaschlik-Essen trifft?). Unter den Materialien ist auch Heidi Gander-Wolfs Dissertation von 1974, die bis anhin wohl ausführlichste Abhandlung des Themas.

Literarisch verarbeitet wurde die Geschichte der Waadtländer Weinbauern am Schwarzen Meer von Annick Genton in “Les Vignerons de la Mer Noire. De Lavaux à Chabag” (Editions Cabédita, 2008).

Eine historische Publikation ist “Les Vignerons Suisses du Tsar” von Olivier Grivat (Editions Ketty & Alexandre, 1993).

Nachweis:

Die Fotografie der Kirche und die Gesamtansicht stammen aus der Illustrierten Zeitschrift “In freien Stunden” vom 13. Juli 1940.

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