Als am 5. Juli 2017 die französische Politikerin Simone Veil (1927-2017) in einem grossen Staatsakt beigesetzt wurde, erklang ein Lied von sonderbarer Wehmut und Beklemmung, das dem Trauerzug eine geradezu gespenstische Stimmung verlieh.

Dieser “Chant des Marais”, der Gesang der Sümpfe, ist in Zusammenhang zu setzen mit Simone Veils Biographie. 1944 wurde Veil mit ihrer Familie von der Gestapo inhaftiert. Vater und Bruder wurden nach Litauen deportiert und dort ermordet. Die Schwester Denise verschleppten die Nazis ins KZ Ravensbrück, Simone selbst sowie ihre Mutter und die zweite Schwester, Madeleine, kamen nach Auschwitz. Im Januar 1945 machten sie einen sogenannten “Todesmarsch” vom KZ Auschwitz ins KZ Bergen-Belsen mit. Die Mutter verstarb dort an Typhus; Simone und Madeleine wurden am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit.

Der “Chant des Marais” ist, in seiner ursprünglichen Version ein Lied, das die Erfahrung von KZ-Häftlingen widergibt. Entstanden ist das “Börgermoorlied” 1933 im KZ Börgermoor, einem der ersten Konzentrationslager der Nazis: bereits im Juni 1933 wurden hier “Schutzhäftlinge” untergebracht. Harte Arbeit, SS-Gewalt und unzureichende Lebensgrundlagen bestimmten den Lageralltag.

Die Zustände im Lager Börgermoor sind unter anderem dank der schriftlichen Aufarbeitung des Schauspielers und Regisseurs Wolfgang Langhoff sehr gut dokumentiert: Langhoff war am 28. Februar 1933 von der Gestapo in Düsseldorf verhaftet worden, im Juli wurde er ins KZ Börgermoor verlegt; 1934 transferierte man ihn ins KZ Lichtenburg, wo er schliesslich entlassen wurde – einige Quellen sprechen von einer “Osteramnestie”. Mit einem Berufsverbot belastet, unsicher, ob er nicht bald wieder verhaftet werden würde, floh er im Juni 1934 in die Schweiz, nach Zürich. Daselbst erschien 1935 im Schweizer Spiegel Verlag sein Text “Die Moorsoldaten. 13 Monate Konzentrationslager. Unpolitischer Tatsachenbericht.”

In diesem Buch wird auch die Entstehung und Erstaufführung des Liedes im Rahmen einer von der SS bewilligten und auch besuchten Zirkusvorstellung – “Zirkus Konzentrazani” – beschrieben. Die Stille der 900 zuhörenden Lagerinsassen beim Erklingen des ersten Refrains, das erste Mitsummen, die Tränen, schliesslich der neunhundertstimmig gesungene letzte Refrain, der die wiedergewonnene Heimat beschwört, die Freiheit, den Moment, in dem die Soldaten nicht mehr ins Moor ziehen. Und nach der Vorführung?

Kaum waren wir in der Baracke, stürzten ein paar S.S.-Männer herein:
“Jungens! Das habt Ihr grossartig gemacht, das war wunderbar!” Helle Begeisterung!
Das Eis war gebrochen und die ersten menschlichen Worte wurden von beiden Seiten gewechselt.
[…]
“Sagt mal, wer hat denn das Börgermoorlied gemacht?”
“Ach, – das hat kein Einzelner gemacht. Das haben wir eben so alle miteinander gedichtet.”
Wir hüteten uns, den Verfasser preis zu geben.
[…]
Ein S.S.-Mann nahm mich beiseite und sagte: “Das brauchen die andern nicht zu wissen, aber – kannst Du mir nicht das Lied mal aufschreiben? Ich will’s für mich persönlich haben. Weisst Du, ich hab’ nämlich ein Mädel daheim, der will ich’s schicken.”
Ich versprach ihm, eine Abschrift des Liedes zu besorgen und auch die Noten dazu aufzuschreiben. Er dürfe es aber auf keinen Fall vorn auf der Kommandatur zeigen.
“Nee, nee, ausgeschlossen! Die Moosköppe da vorn geht das gar nichts an!”

Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten (1935). S.193f.

Schon zwei Tage später wurde das Singen des Liedes von der Kommandatur tatsächlich verboten. Inoffiziell jedoch, auf den Märschen durch’s Moor, durfte es weiterhin gesungen werden, wurde von verschiedenen S.S.-Leuten gar verlangt. Als ursprüngliche Verfasser werden heute Langhoff, Johann Esser (Text) und Rudi Goguel (Melodie) genannt. Bald fand das Lied auch Verbreitung über die Stacheldrahtzäune hinaus: 1935 überarbeitete es der Komponist Hanns Eisler für den Sänger Ernst Busch. Dieser zog 1936 als Freiwilliger in den Spanischen Bürgerkrieg, wo er die Internationalen Brigaden im Kampf gegen Francisco Francos Truppen unterstützte.

Die Bekanntheit der “Moorsoldaten” stieg; es kam zu verschiedenen Übersetzungen: ins Spanische, ins Französische, ins Niederländische, ins Italienische, …
Und auch in seiner Ursprungssprache blieb es, weit über den Krieg hinaus, prominent.
Hannes Wader nahm es 1977 (für die Platte “Hannes Wader singt Arbeiterlieder”) auf:

Die Toten Hosen spielten es ebenfalls:

Auch in der englischen Sprache fand das “Börgermoorlied” schliesslich weite Verbreitung, unter dem Titel “Peat Bog Soldiers”.
Der Folkmusiker Pete Seeger spielte verschiedene Versionen, mal in deutscher, mal in englischer Sprache; “30 years ago, this song was smuggled out of Germany”, leitete er das Stück einmal ein:

Neben vielen anderen nahmen sich auch The Dubliners des Liedes an:

So wird denn dieses Stück seit über 70 Jahren von Generation zu Generation immer wieder neu angeeignet und in seinen Bedeutungen variiert, ohne dabei – wie die Verwendung des “Chant des Marais” an Simone Veils Beerdigung bezeugt – an politischer Relevanz eingebüsst zu haben.

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