Ich wasche meine Hände in Pop. Pop: das riecht nach Sex, nach Lärm, nach Mythos. Damit keine Nachschubprobleme entstehen, ist ein Mythenspender stets zur Hand. Heute: Nik Cohns “Awopbopaloobop Alopbamboom”. Die Tirade eines 22jährigen, der Popmusik für tot erklärte – im Jahre 1968. Und das in einem Stil, dessen Witz und Biss für lang anhaltendes Unterhaltungsgefühl besorgt sind. Bob Stanley beschrieb es treffend: “the book read like a series of 7in singles, with no room for deviation, no long solos, no flab at all.” Gedacht war der Text als eine Art Abschiedsbrief an den Pop, “my farewells” wie Cohn selbst es im Vorwort zur Neuausgabe (1996) nannte. Gehässigkeit und Spott des jungen Autors sind die treibenden Kräfte dieses Werks.

Über die britische Band The Pretty Things äusserte sich Cohn beispielsweise folgendermassen:

Like you’d expect, most of our home-grown bluesmen were lousy. They’d come out of Surbiton, their hair down in their eyes, and their Mick Jagger maraccas up by their ears, and they’d sing their blues, dem lawdy-lawdy blues, all about those cottonfields back home: the Dagenham Delta.
The most classic were the Pretty Things, who’d been deliberately designed to make the Rolling Stones look like that proverbial vicarage tea party. Man, they were ugly. I mean, really ugly – Phil May, the singer, had a fat face, entirely hidden by hair, and he’d bang about the stage like some maimed gorilla. The others looked even badder. And their music was all chaos: the big bad blues. Actually it wasn’t either big or the blues. Bad it was, however.

“Man, they were ugly”: The Pretty Things (1965), den Big Bad Blues im Gepäck.

Ironie der Geschichte? Natürlich: Pop starb nicht aus, Cohns Buch machte ihn berühmt – und er wurde als einer der Urväter der Popmusik-Kritik selber Bestandteil des Kanons. Seine Publikationsliste ist lang, er gilt als einer der Wortführer und gleichzeitig grossen Kritiker des Pop, auf einem seiner Artikel, einer Reportage über jugendliche Partygänger in Brooklyn, beruhen Charaktere und Geschichte des Films “Saturday Night Fever”. Kokain, Depression, Gefängnis, Bankrott sorgten in den 1980er-Jahren für Wendepunkte in Cohns Leben: er meldete sich 1992 mit einer neuen literarischen Stimme, dem New-York-Roman “Das Herz der Welt”, zurück. Seither hat er verschiedene Bücher publiziert, manchmal handeln sie von seiner Heimat England, manchmal von seinem ewigen Traum Amerika.

Auch den Pretty Things war eine längere Karriere beschert. 1968, im selben Jahr, in dem Cohn auf sie schimpfte, wandten sie sich vom klassischen Blues ab und veröffentlichten das Album “S.F. Sorrow”, ein Konzeptalbum, das die Lebensgeschichte eines Sebastian F. Sorrow von Geburt bis Tod erzählt. Verschiedene Kritiker bezeichnen es als die erste “Rock-Oper” – ein Format, das ein Jahr später mit “Tommy” von The Who seinen Höhepunkt erlebte.

Jenes “Tommy” übrigens – und hier schliesst sich der Kreis -, soll von Nik Cohn entscheidend beeinflusst worden sein: unbeeindruckt von Pete Townshends ersten Versuchen, soll Cohn, ein begeisterter Pinball-Spieler, dem Gitarristen von The Who vorgeschlagen haben, den Flipperkasten zum zentralen Thema seiner Rock-Oper zu machen. Mit bekannten Resultaten. In seinem nächsten Buch, “Arfur: Teenage Pinball Queen” (1970), griff Nik Cohn das Thema dann auch selbst auf.

The Pretty Things’ “S.F. Sorrow” in voller Länge:

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