Die Tautologie “Ich-will-den-Frieden” birgt einen Trugschluss: Was ich eigentlich will, ist meinen Frieden zu haben. Immer. Sogar im Selbstmord: Ich will in Frieden sterben, vernehmt meinen friedfertigen Willen. Die Tautologie zielt vom Ich auf das Ich, von meinem Tun auf meinen Frieden. Der Trugschluss setzt da ein, wo ich nahtlos vom privaten Frieden auf den allgemeinen Frieden schliesse. Der erste Friede ist das unumgängliche Korrelat meines eigenen Willens. Der zweite ist die allgemeingültige und hypothetische Wahrheit eines allgemeinen und kaum weniger hypothetischen Willens. Was gibt dir die Stirn, vom Frieden zu sprechen? Vom Frieden, der für dich ebenso wie für mich gilt, heute, gestern und morgen, und den noch niemand vor dir erlebt hat, denn die Geschichte ist nichts anderes als die Geschichte der Zerwürfnisse, die ein Begriff wie dieser auslöst. Hinter der Tautologie steckt ein Trugschluss, und im Kern des Trugschlusses ein Anspruch, der hart ist wie Granit: Wenn ich sage, ich liebe den Frieden, gebe ich zu verstehen, dass ich ohne die leiseste Spur von Zweifel weiss, was der Friede ist; dieser Dogmatismus nährt die erbamungslosesten Waffenhändel.”
André Glucksmann: Philosophie der Abschreckung. Aus dem Französischen von Thomas Dobberau und Barbara Hennings. 1986, Original 1983.

Dieser Hinweis des französischen Philosophen André Glucksmann (1937-2015) erscheint mir noch dreissig Jahre nach seiner Schriftsetzung aktuell, in öffentlichen Diskursen aber kaum je verhandelt.
Immer wieder fällt mir die unreflektierte, gedankenlose Verwendung des Begriffs “Frieden” ins Auge. Forscher, die militärische Konflikte untersuchen, wie etwa der medial sehr präsente Basler Historiker Daniele Ganser, nennen sich selbst “Friedensforscher”; aktive Gegner militärischer Konflikte werden häufig unter dem Sammelbegriff “Friedensbewegung” subsumiert und bezeichnen sich auch selbst so.

Die meisten mir bekannten “Friedensforscher” und “Friedensbewegungen” beziehen unmissverständlich Stellung gegen militärische Konflikte und für die vollständige militärische Abrüstung. Dagegen bleibt meist unerklärt, was die entsprechenden Akteure denn nun unter dem Frieden verstehen. Es entsteht der Eindruck, der Friede werde schlicht gleichgesetzt mit dem Ende des militärischen Konflikts, dem Ende des Waffeneinsatzes. Ja, wenn es so einfach wäre…

One thought on “Zitate und Gedanken (4): Frieden

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