“Frauen sind schlimmer als Männer”, meinte Marguerite zu meiner Bestürzung.
“Sie sind anders”, antwortete ich. “Und deshalb wären auch die Plagen anders, die sie heraufbeschwören würden. Doch haben wir nach Jahrtausenden nicht ein Recht auf andere Plagen…”
Alles lachte. Gab es etwas zu lachen?

In der Tat hat die Ich-Erzählerin wenig zu lachen in diesem “Plädoyer für die Emanzipation der Frau” (Klappentext Lenos-Verlag, 1993). Alice Rivaz (1901-1998) zeichnet in diesem frühen Roman das Portrait einer unglücklich verheirateten Frau, die sich in ihrer Ehe eingeengt und an der Selbstwerdung gehindert fühlt.

Die Gegenwart mancher Leute, besonders meines Mannes, trennt mich von meinen Wurzeln und hindert mich am Zugang zu mir selbst.

Aus dieser unglücklichen Situation – und Glück wird stets als das höchste erstrebenswerte Gut präsentiert – entfaltet sie eine Frustration, die sich gegen die ganze Männerwelt richtet. Eine Männerwelt, die sie als grundsätzlich verschieden von und unvereinbar mit der Frauenwelt beschreibt, eine “fremdartige Rasse”. Die Plage, die die Männer heraufbeschwören, ist der Krieg. Schon im ersten Kapitel heisst es:

Denn Männer sind, das ist gewiss, von völlig anderer Art als wir. Seit meiner Kindheit hatte ich es begriffen. Tatsächlich: Unter ihresgleichen sollten sie leben und dem Schicksal folgen. Richtig glücklich, ganz sich selbst sind sie ja nur unter sich, ohne uns. Rückt Philipp in den Militärdienst ein, dann bemerke ich auf seinem Gesicht jedesmal die glückselige Gelöstheit desjenigen, der zu den Seinen findet. Besser als alle Geschichtsbücher erschliesst mir sein Gebaren den Aufbruch der Männermassen seit dunklen Vorzeiten. All die Kreuzritter, Freischärler, die Streiter mannigfacher Ziele, all die endlosen Züge, die Rotten auf dem Marsch in den Kampf und den Tod. Gegröl und Geschrei erheben sich jeder Lappalie wegen. […] Es treibt sie von Geschlecht zu Geschlecht in irgendein unbegreifliches Blutbad. Und in jeder Generation sind die Scharfsinnigsten unter ihnen damit beschäftigt, dem Gemetzel Namen zu geben, es zu erklären, zu rechtfertigen.

Ihren Höhepunkt findet die Abneigung der Erzählerin in der Passage, die den Buchtitel – “Der Bienenfriede”, im Original: La Paix des ruches – erklärt. Ausgehend von der Behauptung, die Gesellschaft der Bienen sei höher entwickelt als jene der Menschen, weil sie durch die vollkommene Organisation von Leben und Arbeit glänze, stellt sie die Frage:

Wer weiss, ob nicht eine der Bedingungen für die Vervollkommnung die wohlüberlegte Ausschaltung der männlichen Spielverderber war. Sie werden geopfert, sobald sie ihre Rolle als Männchen ausgespielt haben, damit das Bienenvolk lebe, gedeihe und fortbestehe.

Es ist jedoch nicht das Anliegen der Erzählerin, die Männer wohlüberlegt auszuschalten, auf keinen Fall. Das Unheil scheint ihr primär der Institution der Ehe zu entspringen, die sie als Widersacherin eines Idealbildes der Liebe beschreibt. Schuld an der Fehlerhaftigkeit dieser Institution tragen dabei nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die sich in emotionale Abhängigkeiten treiben lassen.

Das angesprochene Idealbild findet seinen Ausdruck in einem Rilke-Zitat (aus einem Brief an Franz Xaver Kappus vom 14. Mai 1904), in welchem der Dichter die Morgendämmerung einer neuen, “menschlicheren” Liebe beschreibt als eine Liebe, “die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.” Es ist die reine Liebe, ohne Pflicht und weibliche Unterwürfigkeit, die sich Rivaz’ Erzählerin wünscht, eine Liebe, die es auch der Frau erlaubt, etwas Eigenes zu haben und zu sein, und sich nicht lediglich in Beziehung zum Mann definieren zu müssen.

Alice Rivaz (1995)

Alice Rivaz, Tochter des sozialistischen Waadtländer Politikers Paul Golay, arbeitete von 1925-40 und von 1946-59 beim Internationalen Arbeitsamt (B.I.T.) in Genf; daneben war sie unter anderem als Journalistin und Musiklehrerin. Ihr Idol war der Schriftsteller C.-F. Ramuz, dessen persönliche Bekanntschaft ihr zur Publikation eines ersten Romans, “Nuages dans la main” (1940), verhalf. Mit 12’000 verkauften Exemplaren war es gleich ein Bestseller.

“Der Bienenfriede” ist ebenfalls noch dem Frühwerk zuzurechnen; erst nach ihrer Pensionierung 1959 widmete sich Rivaz vollständig dem Schreiben. Als frühes, viele Jahre vor der Popularisierung emanzipatorischer Frauenbewegungen entstandenes Werk ist “Der Bienenfriede” innerhalb der Schweizer Literatur von herausragender historischer Bedeutung, insbesondere als Zeugnis veränderter (und bisweilen gerade auch nicht veränderter) Mentalitäten und Gesellschaftsmodelle ist die Erzählung.

Rivaz, Alice. Der Bienenfriede. Aus dem Französischen von Marcel Schwander. 180 S., Taschenbuch. Basel: Lenos, 1993.

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