Pionier, Apologet, Banjoist: “Polk” Miller

James Agnew “Polk” Miller (1844-1913) war ein Apotheker aus Richmond, Virginia, der in den 1860er-Jahren Medizin für Hunde und andere Haustiere herstellte und vertrieb, ab 1886 unter dem Firmennamen “Sergeant’s Pet Care Products, Inc.” (Die Firma existiert noch heute!)
1892 verkaufte er seine Apotheke und ging als Solokünstler auf Tour. Er erzählte Geschichten, sang Lieder – und imitierte den Slang der schwarzen Sklaven, mit denen er in seiner Kindheit, als Sohn von Sklavenbesitzern, viel Zeit verbracht hatte. Miller soll ein “slavery apologist” gewesen sein, ein Sklaverei-Nostalgiker, der überzeugt war, Schwarze wären besser dran, wenn sie im Besitz der Weissen geblieben wären.

Umso erstaunlicher erscheint es im Lichte dieser Überzeugungen, dass Miller 1898 ein schwarzes Gesangsquartett anheuerte, um deren Liederkunst – insbesondere alte Plantation Songs und Spirituals – authentisch präsentieren zu können, ganz ohne die zeittypischen Farce-Methoden wie z.B. das “Blackface”. Weil diese Tour – in der Zeit der Segregationsgesetze, der sog. Jim Crow Laws – kontrovers war, musste Miller offenbar sogar Polizeibewachung für seine Truppe engagieren. Polk Miller und sein “Old South Quartette” spielten vor weissem und schwarzem Publikum: an Militärschulen, in den High-Society-Clubs der grossen Städte, in den Kirchen der African-Americans

“I think that Polk Miller and his wonderful four, is about the only thing the country can furnish that is originally and utterly American.” , soll ein Show-Ansager über die Truppe gesagt haben. Dieser Ansager war kein Geringerer als der Schriftsteller Mark Twain.

Aufgrund seiner politischen Einstellung nutzte er den grossen Publikumserfolg seiner Show nicht, um Gleichberechtigung zu fordern. Seine Leistung hingegen war es, Bestandteile der Kultur der African-Americans der 1840er/1850er-Jahre so authentisch wie möglich zu bewahren und zu verbreiten; es scheint, als sei er der Einzige gewesen, dem dies gelang. Heute verblüfft die Anonymität der Truppe: von den wohl über 20 Sängern, die im Laufe der Jahre Bestandteil des “Old South Quartettes” waren, konnten bisher lediglich zwei mit Namen identifiziert werden. 1911 hörte Miller auf, mit dem Quartett zu touren, nicht zuletzt, weil es, wie er notierte, oftmals schwer fiel, an den Orten, die sie bespielten, einen Platz zum Schlafen und zum Essen zu kriegen.

Zu Millers Lebzeiten entstanden Aufzeichnungen auf insgesamt sieben Phonographenwalzen (“Edison cylinders”), nach seinem Tod entstanden weitere Tonträger des Quartetts (datiert auf das Jahr 1928). Bei den Zylindern aus 1909 dürfte es sich um die ersten gemeinsamen Studioaufnahmen von Weissen und Schwarzen gemeinsam handeln. 2008 erschien ein Re-Issue aller Old-South-Quartette-Aufnahmen.

Einer der späteren Aufnahmen sei nun ein wenig Aufmerksamkeit gewidmet, weil sie am Ursprung der Genealogie eines der – meiner ganz persönlichen Meinung nach – Meisterstücke der Populären Musik des 20. Jahrhunderts steht. Verfolgen wir diese Genealogie:

Old South Quartette – No Hiding Place Down Here (1928)

There is no hiding place down here,
Oh, I run to the rock to hide my face,
The rock cried out, “No hiding place.
There’s no hiding place down here.

 

The Sensational Nightingales: On The Judgement Day (1954)
Ein Gospel-Quartett griff den Song und seine Thematik – den Sünder, der sich am Tag des Jüngsten Gerichts vergeblich zu verstecken versucht – auf. Zugeschrieben wird der Song in dieser Aufnahme zwei Sängern des Quartetts, Julius Cheecks und Ernest James.

You may run to the rock
just to hide
but the rock will find
there’s no hiding place

 

Les Baxter And His Orchestra: Sinner Man (1956)
Die erste Aufnahme unter dem Titel “Sinner Man”. Wiederum wurde die Autorschaft den Interpreten zugeschrieben: dem Orchesterleiter Les Baxter und dem Sänger Will Holt.

Well, I run to the moon
Moon, won’t you hide me
Run to the moon
Moon, won’t you hide me
Run to the moon
Moon, won’t you hide me
All on that day

 

Nina Simone: Sinnerman (1965)
Ein knappes Jahrzehnt nach Baxter (und etlichen weiteren Coverversionen): die klassische, in vollem Umfang 10:22min lange Interpretation von Nina Simone, auf ihrem Album “Pastel Blues”. Die Credits lassen verlauten: “Traditional, arranged by Nina Simone”.

Well I run to the rock, please hide me
I run to the Rock, please hide me
I run to the Rock, please hide me, Lord
All along dem day

But the rock cried out, I can’t hide you
The Rock cried out, I can’t hide you
The Rock cried out, I ain’t gonna hide you guy
All along dem day

Quellen:
Biographie FamilySearch (Juli 2015).
Miller, Bruce. Polk Miller & His Old South Quartette. Review in Dusted Magazine. (Oktober 2008).
http://www.polkmiller.com
Rose, Joel. An Unlikely African-American Music Historian.

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