Verschiedene, die öffentlichen Diskurse seit geraumer Zeit dominierende Themen machen eine Beschäftigung mit “Europa” – als soziales, politisches, kulturelles Konstrukt und als topographische Gegebenheit – zu einer zentralen Herausforderung unserer Gegenwart. Was, wer und wo ist “Europa”? Wozu braucht es “Europa”? Wohin führt “Europa”?

In der Zeitschrift “Lettre” (Nr. 117, Sommer 2017) findet sich ein Leitartikel des französischen Philosophen und Ethnologen Marcel Hénaff, der sich der Frage aus historischer Perspektive annimmt, und zunächst einmal fragt: Woher kommt “Europa”?

Das Stück ist ein lehrreicher, prägnanter Abriss über die europäische Geistesgeschichte und die Herkunft einiger Institutionen, die gerne als die europäischen “Werte” beschworen werden. Daneben ist er auch ein Plädoyer für die institutionelle Umgestaltung des heutigen “Europa”, mit dem Ziel, das zu verwirklichen, was laut Hénaff im genetischen Code “Europas” angelegt ist: einen “zivilen, staatsbürgerlichen Raum der Freiheit”.

Einen historisch interessanten Gedankengang habe ich herausgegriffen, der mir aufschlussreich scheint, und den man sich gerade im Zusammenhang mit der Frage “Was bzw. wo ist Europa?” vergegenwärtigen könnte:

Wenn Europa durch eine Reihe von ‘Renaissancen’ geprägt wurde, so geschah das nicht, wie man häufig hört, weil man das Bedürfnis verspürte, zu den eigenen Quellen zurückzugehen, sonder im Gegenteil aus einem Bedürfnis heraus, Quellen, die Europa immer schon fremd waren, neu zu verstehen zu versuchen. Weder der Student in Valladolid oder Köln noch der Bürger in Basel oder Prag, noch der Kaufmann in Ragusa (Dubrovnik) oder Kopenhagen hatten in ihrer lokalen Kultur irgend etwas gemeinsam mit Rom, Athen oder Jerusalem. Sie haben sich darauf bezogen, indem sie tote Sprachen lernten: Latein und Griechisch; seltener Hebräisch. […] Europa entstand, indem es assimilierte, was es selbst nicht war. Europa ist aus dieser Verfremdung geboren; Europa ist aus der Übersetzung geboren.
Marcel Hénaff: Europas genetischer Code. In: Lettre 117, Sommer 2017.

One thought on “Zitate und Gedanken (3): Europa

  1. «Eine grosse Zahl von wildfremden Menschen kann effektiv zusammenarbeiten, wenn alle an einen gemeinsamen Mythos glauben. […] Nationen […] existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungskraft.» Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit

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