Borges, Cortazár: schon der Klappentext dieses Bandes nennt grosse Namen, in deren Erzähltradition Mariana Enriquez stehen soll. Ein anderer Ansatz wäre, sie der “Nueva Narrativa Argentina”, der neuen argentinischen Erzählkunst, zuzuordnen: unter dieser noch nicht kanonischen Gattungsbezeichnung werden Schreibende zusammengefasst, die im Argentinien der Militärdiktatur (1976-83) aufgewachsen und im Argentinien der Wirtschaftskrise (1998-2002) zu Schriftstellerinnen gereift sind.

Beide Krisenzeiten sind in den insgesamt 12 Texten dieser Erzählungssammlung von Mariana Enriquez (*1973 in Buenos Aires) vertreten. Und auch die Zwischenzeiten kommen nicht zu kurz: die Erzählung “Die Jahre im Rausch” behandelt  Argentiniens Wandlung zur rücksichtslosen Konsumgesellschaft exemplarisch an den Lebensläufen dreier Teenager-Mädchen in den Jahren 1989-1994.

Dräuend hinter jedem Wort dieser zwölf Texte: die Hoffnungslosigkeit. Der Sound: kaltschnäuzig, ohne Scheu, dem Horror des alltäglichen Lebens mit Hingabe verschrieben. Wer sich vor den Dingen fürchtet, die gemeinhin an die Peripherien gesellschaftlicher Wahrnehmung verdrängt werden, sei gewarnt: in diesem Buch wimmelt es von Unrat, Blut, abgetrennten Gliedmassen, ausgeweideten Kadavern und siechenden Körpern.

Im Mittelpunkt von Enriquez’ Aufmerksamkeit stehen immer wieder Kinder und Jugendliche, die ihr Dasein unter ärmlichsten Bedingungen – verwaist, obdachlos, in Innenhöfen angekettet – fristen müssen; die sich prostituieren, den Drogen verfallen sind, ohne Hoffnung, ohne Chance. Korruption, Drogenhandel, Sucht und der Verfall sozialer Auffangnetze sind die Konstanten dieser Gesellschaft.

Am Mittwoch riss einer der Jungen aus. Irgendwie schaffte er es, durch das Küchenfenster aufs Dach zu klettern. Gegen Mittag bemerkten sie seine Flucht, wussten aber nicht, wie viel Zeit seither vergangen war. Paula erinnerte sich noch, wie sie am ganzen Leib gezittert hatte bei der Vorstellung, dass der Junge wieder auf der Strasse war, zwischen den Autos herumlief, halb gegessene Hamburger klaute; es war einer der Jungen vom Busbahnhof, höchstwahrscheinlich prostituierte er sich in den Toiletten, er kannte alle Schlupfwinkel der Stadt, einschliesslich der Verstecke der Diebe, und war, obwohl erst sieben, schon so abgebrüht wie ein Kriegsveteran – schlimmer als ein Veteran, weil er keinerlei Stolz hatte – und redete in einem so heftigen Slang, dass nur die anderen Jungen und ein paar erfahrenere Sozialarbeiter als sie ihn verstanden.
Aus: Der Hof nebenan, 155-185.

Die Stadt – das ist fast immer Buenos Aires. In vielen der Texte kommt ihr geradezu die Rolle eines zusätzlichen Akteurs zu. Die Beschreibungen vom Zerfall heimgesuchter Quartiere – z.B. Constitución mit seinen vermodernden Villen, seiner Gewalt, seinen Bettlern in “Der schmutzige Junge” – sind prominent. Urbane Legenden werden verarbeitet: Mädchen verschwinden in Häusern, in Innenhöfen angekettet sind Kinder-Kobolde mit angespitzten Zähnen, die lustvoll die Nachbarskatze ausweiden. Wenn’s irgendwo klingelt, hämmert oder klopft, kann man fast sicher sein: Unheil steht vor der Tür.

Ein weiteres prominentes Thema sind die Frauen. Die meisten zentralen Charaktere sind weiblich, ihre Wahrnehmung der Männer ist oftmals negativ: viele wollen sich von ihren Freunden, Männern, Liebschaften trennen, empfinden sie als unsensibel, langweilig, grausam. In der titelgebenden Erzählung, “Was wir im Feuer verloren”, die am Schluss des Bandes platziert ist, werden die Gewalt gegen Frauen und die Reaktionen darauf zum Thema: in der U-Bahn von Buenos Aires bettelt eine bald stadtbekannte Frau mit fast vollständig verbranntem Gesicht und erzählt dabei ihre Geschichte – im Schlaf hat ihr Mann sie mit Alkohol übergossen und in Brand gesetzt. Als es in einer prominenten Beziehung zwischen einem Model und einem Fussballer zur Nachahmung dieser Tat kommt, die natürlich in allen Medien verbreitet wird, eskaliert die Situation. Zunächst finden sich immer weitere Nachahmer, bis schliesslich einige Frauen beschliessen, die Geschicke in eigene Hände zu nehmen – und sich selbst anzuzünden. “Wenn die Männer so weitermachen, werden sie sich daran gewöhnen müssen, dass die meisten Frauen so wie ich sein werden, wenn sie nicht sterben”, sagt eine Verbrannte, “ein neues Schönheitsideal”. Der Druck auf die junge Protagonistin Silvina ist gross, wäre sie doch “eine wunderschöne Verbrannte, eine wahre Feuerblume”…

Mariana Enriquez’ Texte – ins Deutsche übertragen von Kirsten Brandt – sind geprägt vom Einbruch des Unvorstellbaren in den Alltag. Dieses Unvorstellbare kann – beliebtes Stichwort: Magischer Realismus – Züge des Übersinnlichen, des Irrealen, des Unmenschlichen tragen, muss es aber nicht. Viel öfter ist es gerade das Allzusinnliche, Allzureale, Allzumenschliche, das einbricht in die behütete Gegenwart des Lesers und ihn mit der ganzen Stosskraft des Wirklichkeitsschocks niederreisst.

Enriquez, Mariana. Was wir im Feuer verloren. Erzählungen. Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt. 240 S., gebunden m. Schutzumschlag. Berlin: Ullstein, 2017

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