Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften (1930/32)

Die Vermutung liegt nahe: historisches und biographisches Schreiben bewegen sich, verwendet man die Musil’sche Sinnesscheidung, in der Domäne der Wirklichkeit. Den Gegensatz hatte schon Aristoteles in seiner “Poetik” formuliert: “Aber dadurch unterscheiden [der Geschichtsschreiber und der Dichter] sich, dass der eine erzählt, was geschehen ist, der andere, wie es hätte geschehen können”.

Freilich mag es manch dichtenden Historikern und historisierenden Dichtern lustvoll erscheinen, Brückenschläge zu versuchen. Das Frühwerk eines begnadeten Brückenbauers ebendieser Prägung wurde mir unlängst (durch Zufall oder Schicksal?) in die Hände gespielt: “N” von Dieter Kühn, eine Erzählung, nein, vielmehr: “ein erzählerisches Modell” (Hellmuth Karasek), aus dem Jahre 1970.

Dieter Kühn (1935-2015), der nicht ganz überraschend über Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” promoviert hatte, begann mit dieser Publikation seine Schrifstellerkarriere. Grössten Ruhm sollte der enorm produktive Kühn später mit seiner Trilogie des Mittelalters erlangen: der unwahrscheinlichen Biographie “Ich Wolkenstein” über den Ritter Oswald von Wolkenstein, sowie den Neuübersetzungen von Gottfried von Strassburgs “Tristan” (1991) und Wolfram von Eschenbachs “Parzival” (1994), die wohl einen nicht unwesentlichen Einfluss auf das moderne deutschsprachige Mittelalterbild und die Mittelalterrezeption ausgeübt haben (und es noch tun).

Hätte auch anders aussehen können: Napoleon Bonaparte.

Nun aber “N”, die Letter steht für einen, der nicht weiter vorgestellt zu werden braucht: Napoleon Bonaparte, Frankreichs kleinen grossen Mann, 1769-1821. Kühn erzählt die Jahre von Napoleons Zeugung bis zum Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799), und zwar nicht die Jahre, wie sie gewesen sind, sondern die Jahre, wie sie auch hätten sein können.

Erste Tode stirbt Kühns N, bevor er überhaupt geboren wird: was wäre etwa gewesen, wenn Vater Carlo nach zwei Fehlgeburten und einem lebenden Jungen (Joseph) gesagt hätte “zweimal Pech, einmal Glück, wir wollen nichts weiter riskieren”?

In diesem Szenario ist die Grundhaltung des Buches bereits angelegt: es ist ein munteres Würfelspiel der Möglichkeiten. Ein möglicher N wird Geistlicher, ein möglicher N wird Offizier, ein möglicher N wird noch vor der Revolution hingerichtet, ein möglicher N wird in die Türkei versetzt, ein möglicher N wird bei der Rückkehr aus Ägypten in Fréjus in einen Hinterhalt gelockt und erschossen, ein möglicher N ist gar nie bis nach Ägypten vorgestossen. Ein möglicher N wird am 19. Brumaire vor dem Rat der Fünfhundert tatsächlich erstochen und sie lassen ihn verbluten, “besser er als Frankreich”. Murat und Sieyès dominieren die französische Politik des frühen 19. Jahrhunderts.

Zur Illustration von Kühns historisch-biographischem Schreibstil sei dieses, meiner Meinung nach prototypische Szenario angeführt:

Marschall Marmont berichtet von der Reise nach Toulon zur Flotte: N kam spät abends nach Aix, er wollte gleich weiterfahren, aber nicht wie üblich über Marseille, da befürchtete er Aufenthalte, sondern auf einer Nebenstrasse, über Roquevaire. Er reiste mit Frau und Begleitern in einem hohen Reisewagen, einer Berline; auf dem Dach war Gepäck festgeschnallt. Die Nebenstrecke seit Tagen nicht mehr von Postkutschen befahren. N hatte es eilig, der Wagen mit hoher Geschwindigkeit auf abschüssiger Strecke, der Wagen mit heftigem Stoss gestoppt: der Kutscher hatte im Dunkeln die Höhe eines starken Querastes nicht richtig eintaxiert oder hatte ihn gar nicht gesehen, der Ast hatte am hoch aufgeschnallten Gepäck den Wagen blockiert. Zehn Schritt weiter eine Brücke, diese Brücke war eingestürzt. Marschall Marmont fragt: Was wäre ohne diesen Ast, der sich genau an der richtigen Stelle befand und der stark genug war, den Wagen aufzuhalten, was wäre ohne diesen Ast aus dem Eroberer Ägyptens geworden, aus dem Eroberer Europas, aus dem Mann, der fünfzehn Jahre lang den Kontinent beherrschen sollte”

Gesellschaft, Beruf, Emotion, Herkunft, Topographie, Lektüre, Politik, Technologie: dies sind nur einige der Einflussfaktoren, die das komplexe Spiel von Zufall und Schicksal, Freiheit und Notwendigkeit beeinflussen, das Kühns biographischen Stil prägt. “N” – der erste von vielen historisch-biographisch-möglichkeitssinnigen Texten des Autors – ist ein Plädoyer gegen die Komplexitätsreduktion, eine Aufforderung zum Um-die-Ecke-denken und zum Aufbrechen verfestigter historischer Narrative. Der Fokus der Geschichtsschreibung darf für einmal auf jenen Nicht-Gegebenheiten liegen, die es, ausser auf den Seiten dieses Buches, nicht über den Zustand des Möglichen hinausgeschafft haben.

Eben wollte ich schreiben: “und gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, die vorgesetzten Vereinfachungen immer und immer wieder zu hinterfragen”. Unsinn! Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jedem Zustand wichtig.

Lektüren von Dieter Kühn vermögen dabei neue Perspektiven zu erschliessen, den Blick zu öffnen für das, was nicht ist, aber ebensogut sein könnte.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s