Unlängst kam mir die Theorie zu Ohren, in deutschsprachigen (Kriminal-)Romanen komme es zu einer auffälligen Häufung des Wortes “Resopaltisch”; ein Gegenstand, dem kein Inspektor, keine Pathologin, kein Kommissär zu entgehen vermöge. Tatsächlich ist mir auch aus eigenen Lektüren die Verwendung dieses sonderbar aus der Zeit gefallenen Begriffs bekannt – Zeit für eine Recherche:

Zunächst einmal: was ist Resopal? Ein Kunststoff, bestehend “aus mehreren mit Harz imprägnierten Papierbahnen, Kern- und Dekorpapieren, die unter Hitze und hohem Druck zwischen Stahlblechen zu einer homogenen Platte verpresst werden” (Wikipedia). Als Marke eingetragen wurde Resopal am 5. September 1930 durch den Familienbetrieb Hermann Römmler. Die Einrichtung einer Zeppelin-Bordküche in rotem Resopal wird heute noch als Meilenstein der Firmengeschichte angeführt. 1938 wurde das Unternehmen von Brown, Boveri & Cie. gekauft. Die Werksanlagen, in denen 2’500 Arbeiter tätig waren, wurden 1945 von den sowjetischen Besatzungstruppen demontiert. Im Jahr darauf wird am neuen Standort Gross-Umstadt im Odenwald die Arbeit wieder aufgenommen: ein Auftrag der US-amerikanischen Armee, die zehntausende Resopal-Tischplatten bestellte, brachte den Aufschwung. In den Folgejahren wurde Resopal als Material unzähliger Küchen- und Nierentische, Wohnzimmer- und Phonoschränke zu einem wichtigen Bestandteil vieler Wirtschaftswundergeschichten, rückwirkend gar zu einem Inbegriff moderner Inneneinrichtung der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Entscheidend mitbeeinflusst hat den Erfolg der Marke der Industriedesigner Jupp Ernst (1905 – 1987), einer der wichtigsten Designer der Nachkriegszeit (Afri Cola, Melitta,…), der das Resopal-Logo entwarf.

Kein Wunder also, dass auch in zeitgenössischer Literatur hin und wieder an den Resopaltisch erinnert wird. (Viel öfter leider als an Jupp Ernsts Tee-Porzellan “Zürich”, das nur Eingang ins visuelle, nicht aber ins literarische Kulturgedächtnis gefunden hat.)

Das schöne Wort im Übrigen ist ein Kofferwort aus “Opal” und “Res[ina]”, dem griechischen und lateinischen Wort für Harz.

Und wie oft kommt der Resopaltisch in deutschsprachigen Publikationen tatsächlich vor? Das Google-Analysetool “Ngram Viewer” gibt Aufschluss: immer häufiger! (In englischsprachigen Publikationen erscheint übrigens eine andere Marke häufig: der “Formica table”, der dann gelegentlich mit “Resopaltisch” übersetzt wird).

 

Zum Schluss, weil’s so schön ist, wahllos einige Beispiele aus dem Google-Books-Fundus:

“Er hatte auf einem Resopaltisch verschiedene Gemüse- und Obstsorten zurechtgeschnitten, die er offensichtlich mithilfe eines Mixers versaften wollte.” – Ulla Hahn: Spiel der Zeit, 2014.

“Als er aber auf dem schmierigen Resopaltisch im Innern des Wagens eine »Bild«-Zeitung entdeckte, die etliche Monate alt war, war er sich sicher, dass der Wagen zurzeit nicht benutzt wurde.” – Krischan Koch: Flucht übers Watt – Ein Nordsee-Krimi, 2009.

“Viel simpler. Als sie endlich im Schutt wühlen konnten, fanden sie einen angekohlten Resopaltisch. Resopaltisch, Münzen – da fiel ihnen sofort unsere Sachfahndung ein. Doch es kommt noch besser.” – Frank Goyke: Mörder im Gespensterwald, 2012.

“Er legte den Motorradhelm zwischen uns auf den Resopaltisch, gab mir die Hand und installierte sich auf dem Besucherstuhl. Seine Lederkutte knarrte. »Na, alles fit, Matthias?« “ – Birgit Lohmeyer: Wellers Zorn, 2013.

“Gleich hinter der Tür – neben dem halben Quadratmeter, den man als Flur bezeichnen kann –, stehen ein potthässlicher orangefarbener Resopaltisch und vier zusammengewürfelte Holzstühle. “ – J. Kenner: Dir verfallen, 2013.

“Durch eine Scheibe, die von innen verspiegelt war, blickten Avery und Morrow in den Untersuchungsraum, in dem Paul Turner an einem wandmontierten Resopaltisch saß und irgendetwas in ein Krankenblatt eintrug.” – Patricia Lewin: Die letzte Schöpfung, 2008.

One thought on “Wort des Tages (2): Resopaltisch

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