Willi Schlamm gehörte zu jenen Intellektuellen, denen es bei jeder Diskussion um Leben oder Tod zu gehen scheint. Er war ein berufsmässiger Eiferer, der es liebte, eine Überzeugung zu haben, und sogar bereit war, dafür zu sterben, weil er sich sonst zu Tode gelangweilt hätte. Schlamm hörte das Gras wachsen, noch bevor es gesät wurde, was zuweilen dazu führen konnte, dass er etwas wachsen hörte, wo gar nichts gesät werden sollte. Er brillierte durch glänzende Fehlanalysen, die doch mehr Wahrheit enthielten, als der öffentlichen Meinung zuträglich ist. Er war ein Meister der Polemik, der wie sein Vorbild Karl Kraus jeden Verstoss gegen die Syntax bereits als kriminell betrachtete, und sicher warf er dem Faschismus nicht nur seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, sondern auch die Kommafehler, die er begangen hatte. Sein grösster Schmerz war, dass viele Jahre später Karl Kraus noch kurz vor seinem Tode, 1936, ihn aus dem Kreis seiner Anhänger verstiess.
aus: Hans Sahl. Das Exil im Exil. Memoiren eines Moralisten II (1990)

Hans Sahl (1902-1993), deutscher Theaterkritiker, Kulturkorrespondent, Schriftsteller und Widerstandskämpfer: mit dem Journalisten William S. Schlamm (1904-1978, eigentlich Wilhelm Siegmund Schlamm) verband ihn einerseits der Weg des Exils, den beide 1933 einschlugen – über Prag in die USA. Andererseits fällten beide 1937, unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse, die Entscheidung, sich vom Kommunismus sowjetischer Prägung endgültig abzuwenden, “Nein zu sagen, und das noch im Exil”, wie es Sahl formuliert. Sahl reagierte auf die Abwendung und die dadurch bedingte Ausgrenzung aus weiten Kreisen der Exilierten mit der Gründung des Bundes Freie Presse und Literatur (BFPL) in Paris 1937. Indes Schlamm, der sich bereits ab 1929 dem Kommunismus entfremdet hatte, im selben Jahr im Zürcher Aufbruch-Verlag seinen Text “Die Diktatur der Lüge – eine Abrechnung” veröffentlichen liess.

 

William S. Schlamm: “Der Krieg muss riskiert werden” (Der Spiegel, 5.8.1959)

Beider Weg führte letztlich ins US-amerikanische Exil: Sahl kehrte 1953, Schlamm 1959 nach Europa zurück. Dabei geriet insbesondere der “berufsmässige Eiferer” Schlamm kontrovers in den Fokus der Öffentlichkeit: am 5. August 1959 zierte er, nunmehr als Vordenker einer “kleinen, aber agilen Gruppe amerikanischer Neokonservativer”, die Titelseite des SPIEGELS – untertitelt mit dem Zitat: “Der Krieg muss riskiert werden.” Im September 1959 wurde darüber berichtet, wie Schlamm der rechtsradikalen, “verschämt antisemitischen” Deutschen Soldaten-Zeitung ein Exklusiv-Interview gegeben habe.
Und am 11. Mai 1960 schliesslich war “Demagoge Schlamm” erneut auf dem SPIEGEL-Titel abgebildet, wobei der zugehörige Leitartikel, bezugnehmend auf Schlamms damalige Vorlesungsreise “Hat Deutschland eine Zukunft?”, einmal mehr die wetterwendische politische Biographie Schlamms ausschlachtet:

Es triumphiert der bebrillte Tribun, der Austro-Amerikaner William S. – laut Amtsregister: Siegmund-Schlamm aus Przemysl in Galizien, zeit seines Lebens in selbstgewebte “Erlösungsvorstellungen” aller Art verstrickt, aggressiver Advokat jeweils der Ideologie oder politischen Tendenz, die sich seiner “Sehnsucht nach einer moralischen Aufforderung” gerade anbietet, durch vier Jahrzehnte in Wien, Prag, New York und Zürich nacheinander: Stalinist, Sozialist, Pazifist, McCarthyist,Kriegspropagandist und überdies seit neuestem in der Bundesrepublik eine Kaffeehaus-Version des nationalen Erlösers mit – nach eigenem Zeugnis – “kriegschürenden Äußerungen” gen Osten.

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