“Where to find meaning in a life as dark as his?” – mit diesen Worten beschreiben zwei französische Filmemacher die Fragestellung ihres dokumentarischen Projekts. In dessen Zentrum stehen Leben und Wirken des amerikanischen Singer/Songwriters Jackson C. Frank (1943-1999), der Mitte der 1960er-Jahre ins Rampenlicht der britischen Folkszene trat.

Mit 21 Jahren war Frank in unverhofften Wohlstand geraten: eine Kompensationszahlung über 110’500 $ (abzüglich Anwaltskosten) sollte ihn für die Wunden entschädigen, die er sich als Elfjähriger bei einer Feuerkatastrophe an seiner Schule in Cheektowaga, New York, zugezogen hatte. 15 Mitschüler waren dabei zu Tode gekommen, Frank überlebte: angeblich hatten Mitschüler den Rücken des in Flammen stehenden Jungen mit Schnee überschüttet und ihn so gerettet. Die Wunden aber, körperlich und mental, blieben ein Leben lang.

Mit dem zugesprochenen Geld machte sich Frank auf die Reise nach England. Die Legende besagt, dass er im Laufe der Schiffsreise den Song schrieb, der ihn zum Star machen sollte: “Blues Run The Game”.

Mit diesem Song erspielte er sich in kurzer Zeit eine Gefolgschaft und prominente Bewunderer. 1965 erschien sein erstes Album, “Jackson C. Frank”. Aufgenommen wurde es im Juli 1965 in den Londoner CBS Studios, Paul Simon fungierte als Produzent, Al Stewart spielte auf einem Song die Gitarre, und auch Art Garfunkel war zugegen, “making the tea”. Ebenso war Franks damalige Freundin anwesend: die später sehr erfolgreiche Folksängerin Sandy Denny. Frank hatte sie im Folkclub Bunjies kennengelernt und sie, gemäss eigenen Aussagen, dazu bewegt, ihren Job als Krankenschwester aufzugeben und sich der Musik zu widmen. Während der Aufnahmen musste Denny Frank eine Flasche Whisky holen lassen, um den chronisch verängstigten, selbstzweifelnden Sänger, der darauf beharrte versteckt hinter Schallwänden zu singen, zu beruhigen. Dennoch soll das ganze Album in nicht mehr als drei Stunden aufgenommen worden sein.

Das Feld war bereitet für eine grosse Karriere. John Peel spielte und hypte das Album in seiner Radioshow. Mit Simon, Garfunkel, Stewart und Denny lebte Frank gemeinsam in einem Haus; mit dem Singer/Songwriter John Martyn konsumierte er Drogen, “fake Leary Acid Tests” nannte letzterer diese Zusammenkünfte.

Jackson C. Frank (Werbefoto, 14.2.1965)

Frank war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung in der Szene: er fuhr Aston Martin und Bentley, kleidete sich gerne exzentrisch und war ganz allgemein bemüht, alles Geld, das er besass, schnell loszuwerden. Manch einer munkelte: weil er das Geld mit dem Feuer, dem Trauma seiner Kindheit, assoziierte. 1966 kehrte er wegen Geldknappheit temporär in die USA zurück, versuchte es einige Jahre später noch einmal in London, wurde aber offenbar aufgrund seiner Armut ausgewiesen.

 

Ab 1969 befand er sich in Woodstock, arbeitete für eine Lokalzeitung. Seine Ehe mit dem britischen Model Elaine Sedgwick zerbrach, der kleine Sohn verstarb an zystischer Fibrose. Frank hatte einen Nervenzusammenbruch und wurde in eine Klinik eingewiesen. In den 1970er-Jahren begann er, Freunde um Hilfe zu bitten. Vereinzelte Reviews und eine Neuauflage seines Debüts (1978) brachten nicht den erwünschten Erfolg. In den 1980ern lebte er eine kurzzeitig wieder bei seinen Eltern, flüchtete jedoch plötzlich, während seine Mutter im Spital lag, nach New York, um Paul Simon zu suchen. Diesen fand er jedoch nicht. Er blieb dennoch in New York, obdachlos, wurde von den Obrigkeiten aufgrund seiner Vorgeschichte psychischer Erkrankungen wieder in eine Klinik eingewiesen, kam wieder raus und lebte auf der Strasse: “I was living out of garbage pails and living on the street with a blanket”, wird er zitiert. Und früher oder später wurde er immer wieder in Anstalten und Heime eingewiesen.

In den späten Achtzigerjahren begann ein Fan, Jim Abbott, der durch mehrere Zufälle von Franks Werk erfahren hatte, sich für den heruntergekommenen Musiker zu interessieren, stöberte auf und entschloss sich, ihm zu helfen. Abbott organisierte den erneuten Umzug nach Woodstock – zuvor jedoch kam es zu einer weiteren Katastrophe: auf einer Sitzbank in Queens ruhend wurde Jackson C. Frank, vermutlich von Jugendlichen, die sich einen schlechten Spass gönnten, von einem Schuss getroffen und erblindete auf dem linken Auge.
Bis zu seinem Tod lebte Frank in prekären Zuständen, gesundheitlich stets schwer angeschlagen, beide Beine verkrüppelt. 1999 verstarb Jackson C. Frank im Alter von 56 Jahren an einer Lungenentzündung.

Der Nachruhm des Musikers bei einem breiten Publikum ist bescheiden. Die Suchvorschläge auf Youtube mögen dies illustrieren:

Der Autor und Originalinterpret scheint aus der Geschichte gefallen: Jackson C. Frank – “Blues Run The Game” (1965).

Unter (Folk-)Musikern dagegen geniesst Frank höchstes Ansehen. Gecovert wurde sein bekanntester Song einerseits von Weggefährten:

Sandy Denny

Simon & Garfunkel

Bert Jansch

Nick Drake

Aber auch spätere Folk-Generationen haben sich den Song mit seiner sensiblen Melodie und zeitlosen Melancholie angeeignet.

Counting Crows

Mark Lanegan

Colin Meloy

Laura Marling

John Mayer

Ja, “where to find meaning in a life as dark as his”? Die Frage lässt sich schwer beantworten. Im Nachruhm aber, der Jackson C. Frank vonseiten anderer Musiker und Musikerinnen zuteil wird – denn auch weitere seiner Songs wurden zahlreich gecovert – mag immerhin der Ansatz einer Versöhnung liegen. Verdient hat dieser feinfühlige Musiker, Sänger und Songwriter die anhaltende Aufmerksamkeit allemal – seine Stimme ist eine einzigartige Bereicherung des Folk- und Blueskanons.

Quellen:
McGrath, T.J. Jackson C. Frank. In: Dirty Linen 57, 1995.
Means, Andrew. Game Set Blues. In: Folk Roots 146/147, 1995.
Young, Rob. Electric Eden. Unearthing Britain’s Visionary Music.

2 thoughts on “Cover Stories (2): Jackson C. Frank – Blues Run The Game (1965)

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