Fraglos: des Schweizers Erbauerstolz erbaut sich selbst am liebsten an den grossen Tunnelwerken. Gotthard, Simplon, Lötschberg – das sind klingende Namen, die politisches Gewicht beschwören und auf grosse Leistungen verweisen. Wobei diese Leistungen – mindestens der handanlegende Teil – bei weitem nicht immer von Schweizern erbracht wurden. Italienische Gastarbeiter spielen in diesen Tunnelgeschichten stets zentrale (und oftmals leidtragende) Rollen.

Dasselbe lässt sich von den grossen Staudämmen sagen, die jedoch im Repertoire der Schweizer Heldengeschichten zweitrangig sind. Der inhaltsreichste und tiefste der Speicherseen, der Lac des Dix, wird, wenig überraschend, von der höchsten Staumauer im Zaum gehalten: Grande Dixence, 285 Meter hoch, erbaut 1961.

Die Staumauer Grande Dixence (Aufnahme 2004, Quelle: Wikipedia, Autor: Roland Zumbuehl).

Ein grandioser, heute wenig beachteter Roman macht eine Erzählung im Zusammenhang mit dem Bau von Grande Dixence zum Thema: “Grünsee” von Christoph Geiser (Benziger Verlag, 1978). Der Roman und die Erzählung sind es wert, genauer betrachtet zu werden.


Sehr kurz gefasst handelt der Roman von einem Schriftsteller (Ich-Perspektive), der nach Zermatt reist, um Recherchen über eine Typhusepidemie anzustellen. Dabei entwickeln sich die Recherchen, weil Zermatt regelmässiger Ferienort seiner Kindheit und Jugend war, bald zu Erkundungen seiner eigenen Biographie, zur Entdeckungsreise in die Abgründe der Familiengeschichte, innerhalb derer die schillernde Gestalt der Grossmutter einen speziellen Status innehat.

Auch die nördlichen Vorberge könnten in meiner Typhusgeschichte vorkommen: Damals trieben italienische Arbeiter Stollen in diese Berge, um das Quellwasser zu sammeln und in den Stausee der Grand Dixence zu leiten; man konnte die Stolleneingänge vom Tal aus gut sehen – Löcher im Fels, mit hellgrauen Schutthalden davor -, manchmal hörte man die dumpfen Explosionen der Sprengungen, die an den Wänden des Talkessels widerhallten. Natürlich gab man diesen Italienern, die in Barackenlagern auf 3000 Meter Höhe wohnten, die Schuld am Ausbruch der Epidemie: Denn in dieser Höhe entspringen die Quellen; aber das stand erst später in den Zeitungen, und Grossmutter kam mit diesen Arbeitern, deren Lager die Armee sofort unter Quarantäne stellte, nicht in Kontakt.

Die Beschuldigungs-Rhetorik erinnert an mittelalterliche Legenden der Brunnenvergiftung, die in der Zeit der Schwarzen Pest (ab 1348) aufkamen und sich zu einem verbreiteten Stereotyp der Judenverfolgung verfestigten.

Dass die Szene aus Geisers Roman nicht freier Erfindungsgabe entspringt, beweist ein SPIEGEL-Artikel vom 27. März 1963: “Verwehte Spuren”. Die ersten beiden Abschnitte greifen die Erzählung auf:

Das schleichende Übel kam aus Italien. Im Körper eines Gastarbeiters aus Lece reiste es in den saisonseligen Kanton Wallis und erreichte am 6. Februar das Winterparadies Zermatt, von wo es vier Wochen später in die meisten Länder Westeuropas exportiert wurde.
Eine Woche lang lief der typhuskranke Italiener im Ort herum, eine Woche lang lag er fiebernd in der Maurerbaracke einer Zermatter Baustelle. Dann landete er im Spital des benachbarten Ortes Brig und bot den schweizerischen Gesundheitsbehörden erstmalig Gelegenheit, den Erreger unter ihre Mikroskope zu bekommen, der bald darauf an der blühenden Skisaison von Zermatt nagen sollte.

Weiter unten heisst es:

Denn so kräftig die Walliser Behörden auch herausarbeiteten, der Ursprung der Infektion sei ein Fremdarbeiter und beileibe kein sauberer Schweizer gewesen, so ließ sich doch nicht leugnen, daß der Weg, auf dem die Krankheit sich so explosionsartig hatte ausbreiten können, noch nicht erkannt worden war.

Von einer Krankheit, “die man im Musterland der Sauberkeit und Hygiene nicht für möglich gehalten hätte”, sprach das Schweizer Fernsehen, liess die italienischen Arbeiter in seiner Berichterstattung aber aus dem Spiel. Stärker kritisiert als die “Baracken mit Fremdarbeitern” wurde im Schweizer Fernsehen dagegen die Zermatter Abfallentsorgung, die als direkte Gefahr für das Wasser betrachtet wurde. Auch Peter Mörser in Der Zeit prangerte am 10. Mai 1963 die hygienischen Zustände an, befand jedoch: “Denn die Zermatter sind nicht schuldiger als wir.” – wobei mit “wir” die zahlreichen Touristen gemeint sind, die den Walliser Ort überfluten.

Christoph Geisers “Grünsee” ist ein grosser Roman über die Einsamkeit, über dynastisches Bürgertum und die Befreiung aus dem “Bollwerk der Familie” (Pia Reinacher). Nicht zuletzt ist “Grünsee” die beste (einzige?) literarische Verarbeitung eines medial breit diskutierten und, als Auslöser der Revision des Bundesgesetzes über die übertragbaren Krankheiten (1970), politisch wirkmächtigen Ereignisses der Schweizer Geschichte. Aus all diesen Gründen lohnt die Lektüre von “Grünsee” auch heute, wobei als zusätzliches Argument die Frische und nüchterne Klarheit von Geisers Prosa hervorgehoben werden darf, die in der Schweizer Literatur ihresgleichen sucht (und nur selten findet).

Nun wäre es vielleicht interessant, dieses Werk mit dem zweiten grossen Typhusroman – eine Gattungserfindung, auf die ich nicht ohne Stolz blicke – der Schweizer Literatur zu vergleichen: “Die Ballade von der Typhoid Mary” von Jürg Federspiel (1982). Wobei zunächst die Nähe der Entstehungsdaten beider Romane ins Auge fällt. Von Federspiels Dauerausscheiderin jedoch zu einem anderen Zeitpunkt mehr…

 

 

Weiterführend: Monographisch wurde der Zermatter Typhus 2010 von Marie-France Vouilloz Burnier aufgearbeitet.

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